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Kalligraphie. 1987 - 2006

 

Etwas in Worte zu fassen, was grundsätzlich keinen Bezug zum „Verbalen“ hat, ist keine einfache Aufgabe. Denn dafür muss man sich eines - für einen bestimmten Prozess völlig fremdartigen - Werkzeugs bedienen. Doch auf ähnliche Probleme stößt man auch bei jedem Versuch, die Welt zu begreifen: „Die Erkenntnis der Sache ist die Gegebenheit der Sache im Bewusstsein und nicht die Sache selbst“, wie es der russische Philosoph. A. F. Losev einst formulierte...
Dieses Prinzip wurde für mich zur Grundlage meiner Wahrnehmung von Objekten der Photokunst: Das photographische Bild, das traditionsgemäß als eine „Kopie“, eine „Dokumentierung“ oder als eine andere konkrete Korrelation mit dem Objekt betrachtet wird, wird durch diese Herangehensweise zur Darstellung einer sinnlichen (emotionsgefärbten) Vorstellung von der „Sache“. Einer Vorstellung, die imstande ist, ihre eigene Narrativität, Aussage, Melodie, gar eine Symphonie zu entwickeln, das Aufeinandertreffen der Kontrapunkte in einem polyphonen Choral...
Die Aussage von Godard, die Photographie sei keine Wiedergabe der Realität, sondern die Realität der Wiedergabe, ist für mich zum Grundsatz geworden. Ich versuche, das „Anders-Sein der Sache“ (A. F. Losev) darzustellen. Ein Raum, ein Gegenstand oder ein Mensch können grundsätzlich ihre Bedeutung ändern, indem sie auf dem Bild zum Objekt werden, dessen Eigenschaften durch die Technik der Photographie und durch die Weltwahrnehmung des Autors - aber auch des Betrachters - bestimmt werden. Die Materialität der Objekte löst sich auf, indem sie zu Zeichen mit „zusätzlichen“ und nicht immer gängigen Eigenschaften werden.
Diese Tendenz zur Umgestaltung eines Objektes zu einem Zeichen unterscheidet sich stark von der „geschichtlichen“ Entstehung eines Zeichens in Form einer Hieroglyphe, die das Äußere eines Gegenstandes zu einem Symbol verallgemeinert und das „Sachlich-Gegenständlichen“ auf einen ungefähren Umriss reduziert, indem die Konturenlinie sich von der „Konstruktion“ des Gegenstandes verabschiedet und eine stark verallgemeinerte, abstrakte, graphische Konstruktion bildet.
In meinen Werken bleibt die graphische Verbindung mit dem Gegenstand im gewissen Maße erhalten, sie verliert jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung. In meiner Reihe „Kalligraphie“ versuchte ich mittels eines Objektes, das kein Zeichen und keine Hieroglyphe ist, einen „Text“ zu kreieren. Ich möchte erreichen, dass die Photographie (als Text) einer Partitur ähnelt, einem polyphonen Klang der Musikinstrumente, die durch einen harmonischen Kontrapunkt miteinander verbunden bleiben.
Diesen „Text“ kann man auch mit der „graphischen Polyphonie“ der hieroglyphischen Schrift vergleichen: Die Bedeutung wird nicht (nur) durch die einzelnen Elemente wiedergegeben, sondern eher durch den „graphischen Orchesterklang“ aller sichtbaren und – zusätzlich! – aller quasi-hörbaren (d.h. quasi-nicht-vorhandenen, quasi-nicht-sichtbaren) Elemente. Die Kalligraphie sieht eben per definitionem nicht nur eine symbolische, sondern auch eine ästhetische Bedeutsamkeit des Geschriebenen-Dargestellten vor. Das Kalligraphische impliziert die Bedeutungsgleichheit und die Untrennbarkeit der beiden Eigenschaften. Die Ganzheit! Es ist wie der Klang eines Orchesters, das im Idealfall wie der Atem eines einzigen Wesens klingt.
Diese Ganzheit, diese Unterordnung einem einheitlichen „graphischen Klang“ war mein Ziel. Deshalb verwende ich auch besondere Techniken der Photographie, die es mir ermöglichen, solche wirkungsvollen Mittel der Darstellung wie die Timbretiefe und Farbintensität zu manipulieren, die Details zu verallgemeinern und die Klangakzente zu verschieben.
Seit 2002
erstelle ich zudem auch Unikate auf Aquarellpapier und Stoff, welche manuell mit der Photoemulsion bearbeitet werden. Diese Technik ermöglicht mir die maximale Annäherung an die „Dematerialisierung des Objekts“ und die Trennung dieses Objekts von seiner ursprünglichen Bedeutung. So entsteht die Illusion einer graphischen Darstellung, wodurch die berüchtigte „Photodokumentalität“ auf das Minimum reduziert wird. Die Einzigartigkeit, den Improvisationscharakter jedes einzelnen Bildes kann man auch mit einem charakteristischen Weinbouquet oder dem unverwechselbaren Klang einer Meistergeige vergleichen.
Diese Herangehensweise an die Art-Photografie macht mich zum Anhänger der so genannten Dnjepropetrowsker Photoschule, die in der piktorialistischen Tradition steht und sich durch die Betrachtung von Landschaften, Portraits, Alltagsmotiven und inszenierten Sujets als eine Art Stilleben auszeichnet. Die Art-Photographie der Dnjepropetrowsker Schule bleibt immer ein Stilleben. Der Autor gewährt dem Betrachter durch die von ihm dargestellten Objekte einen Einblick in seine Welt, wobei sich der Autor keinesfalls zum Ziel setzt, diese Objekte durch das photographische Handwerk zu restaurieren oder das Ereignis akribisch darzustellen, um eigenes Beobachtungsvermögen zur Schau zu stellen. Das Ziel ist vor allem das Eintauchen in die Welt des Autors: Die Umgestaltung der Realität zu einer sinnlich wahrgenommenen Illusion. Es ist auch der behutsame Umgang mit den Details, die die Tonart jedes einzelnen Abdruckes prägt.
Außerdem stehe ich in der Tradition der amerikanischen Photographie der ersten beiden Drittel des 20. Jahrhunderts. Ich betrachte Edward Weston und Josef Sudek ebenfalls als meine Mentoren, während ich in Deutschland einige Gemeinsamkeiten mit Karl Blossfeld feststellen konnte. Ich wurde stark von der japanischen und chinesischen Kunst beeinflusst, sowie von der Musik, wobei ich Bach, Mozart und Schnittke ganz besonders hervorheben würde... Das gesamte Kulturerbe der Menschheit, dessen Bruchteile ich kennen lernen durfte, prägt meine Wahrnehmung dieser Welt, deren Bürger ich heute bin.
Ja, ich bin ein Weltbürger geworden, während ich für immer ein Jude bleibe, der in der Sowjet-Ukraine geboren wurde...
 
Y.Brodsky


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